Evangelische Stadtkirche St. Maria
Datenbestand: Bauforschung und Restaurierung
Objektdaten
| Straße: | Kirchplatz |
| Hausnummer: | 1 |
| Postleitzahl: | 89537 |
| Stadt-Teilort: | Giengen an der Brenz |
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| Regierungsbezirk: | Stuttgart |
| Kreis: | Heidenheim (Landkreis) |
| Wohnplatzschlüssel: | 8135016003 |
| Flurstücknummer: | keine |
| Historischer Straßenname: | keiner |
| Historische Gebäudenummer: | keine |
| Lage des Wohnplatzes: |
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| Geo-Koordinaten: | 48,6219° nördliche Breite, 10,2452° östliche Länge |
Kartenansicht (OpenStreetMaps)
Bauphasen
Den romanischen Vorgängerbau der evangelischen Stadtkirche von Giengen kann auf das 12. bis 13. Jahrhundert datiert werden. In den darauf folgenden Jahrhunderten wurden einige kleineren Umbauten und Erneuerungen an der Kirche durchgeführt.
Nach der Zerstörung durch den Stadtbrand von 1634 während des Dreißigjährigen Krieg wurde die Kirche schließlich zwischen 1653 und 1655 durch Leonhard und Martin Buchmüller unter Einbeziehung umfangreicher romanischer und gotischer Bausubstanz wieder aufgebaut. Auch der Dachstuhl wurde neu errichtet. 1821, unter dem Langenauer Architekten Werkmann und 1904 bis 1906 unter dem Stuttgarter Architekten Theophil Frey fanden größere Umbauten und umfangreiche Renovierungen an der Kirche statt.
Zwischen 1904 bis 1906 werden beispielsweise Treppenaufgänge in die Türme ergänzt und das ursprünglich geknickte Nordschiffdach zu einem Schleppdach umgebaut. 1967 bis 1972 wurden schließlich noch die beiden Turmfassaden renoviert.
(1200)
Der hochmittelalterliche Kirchenbau ist durch erhaltene Mauerzüge und die Grabungen von 1986 weitgehend rekonstruierbar. Es handelte sich um eine dreischiffige, flachgedeckte Pfeilerbasilika von 36,5 m Länge und ca. 17,5 m Breite. Das etwa 11 m hohe Langhaus umfasste sechs Arkadenjoche; die Seitenschiffe endeten in eingezogenen halbrunden Apsiden. Östlich schlossen Vorchorjoch und Hauptapsis an. Das letzte Langhausjoch war durch Schranken abgeteilt. Auffällig ist die geringfügig unterschiedliche Taktung von Arkaden und Obergadenfenstern.
Das Aufgehende war einfach gestaltet. Erhalten sind Teile der südlichen Hochschiffmauer mit rundbogigen Obergadenfenstern sowie Befunde zu Seitenschiffhöhe, Dachneigung und Flachdecke.
Ein mit dem Kirchenbau verbundener Turm bestand zunächst offenbar nicht. Der heutige Bläserturm im Nordwesten ist zwar hochmittelalterlich, seine ursprüngliche Funktion bleibt jedoch offen. Sein tonnengewölbtes Erdgeschoss war über eine Rundbogenpforte zugänglich (Renner 1909/1987, S. 27) und diente laut einem Bericht von 1628 „seit Alters“ als städtisches „Aerarium“ (Renner 1909/1987, S. 28).
Vergleichbar sind die Basiliken in Schwäbisch Gmünd, Brenz und Reistingen. Für Giengen nennt Untermann als Datierung das „späte 12. frühe 13. Jahrhundert“ (Untermann 1987, S. 129).
- Klosteranlage
- allgemein
- Sakralbauten
- Pfarrkirche
(1400)
Der spätmittelalterliche Ausbau prägt bis heute die Baugestalt der Kirche. Er umfasste zwei Westtürme, ein breites Mittelschiff mit schmalen Seitenschiffen, einen eingezogenen 5/8-Polygonchor, Sakristei sowie südliche und westliche Vorzeichen. Die Bauzeit lässt sich nur ungefähr bestimmen. 1402 wird der „Schwiebogen des newen chors“ genannt, 1423 die „newe abseitten“, womit sich für Chor und Langhaus ein Bauablauf vom späten 14. bis frühen 15. Jahrhundert ergibt (Renner 1909/1987, S. 40/41). Die Sakristeiwölbung weist bereits in die Mitte des 14. Jahrhunderts (Renner 1909/1987, S. 37).
Der Neubau reagierte geschickt auf den romanischen Bestand. Südliche Hochschiffmauer, Südseitenschiff und Nordwestturm blieben erhalten und bestimmten Breite und Geometrie des neuen Mittelschiffs. Der neue Südturm spiegelte den Bläserturm; das Nordseitenschiff wurde als Pendant zum Südseitenschiff angelegt.
Für das Langhaus ergibt sich ein ungewöhnlicher Querschnitt mit über 15 m breitem Mittelschiff. Befunde sprechen für hölzerne Gewölbe im Nordseitenschiff und möglicherweise auch im Hauptschiff. Spätgotische Ziegelrippen könnten auf eine spätere Einwölbung des Südseitenschiffes hinweisen (Renner 1909/1987, S. 325/26). So entstand ein eigenwilliger, eher stadthallenartiger Kirchenraum.
- Klosteranlage
- allgemein
- Sakralbauten
- Pfarrkirche
(1579)
Der Ausbau der Türme zog sich offenbar über längere Zeit hin. Während der Nordturm zunächst seine hochmittelalterliche Höhe behielt, wurde der neue Südturm höher ausgeführt und gab damit das Maß für dessen spätere Erhöhung vor. 1579 wurde der Blasturm in Formen der Ulmer Renaissance um drei Geschosse und einen Oktogonaufsatz erhöht. Die Stadtansicht von 1585 zeigt diesen mit Umgang, Türmerstube, Rundbogenfries und flacher „welscher Haube“. Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts erfolgte offenbar ein weiterer Ausbau: Merianstich und „Brandbild“ zeigen ein zweigeschossiges Oktogon mit Umgang und mehrteiliger Zwiebelhaube. Auch der Südturm erhielt vor dem Kirchenbrand anstelle des Krüppelwalmdaches ein Zeltdach.
- Klosteranlage
- allgemein
- Sakralbauten
- Pfarrkirche
(1650 - 1655)
Der Brand vom 5. September 1634 zerstörte die Giengener Stadtkirche weitgehend. Erhalten blieb vor allem die gewölbte Sakristei. Gottesdienste fanden zunächst in der Rammingerkapelle statt (Renner 1909/1987, S. 49). Ab 1650 wurde der Südturm wieder genutzt; seit 1652 warb Prediger Simon Böckh erfolgreich Spenden für den Wiederaufbau ein. 1653 übernahm Stadtpfarrer Jakob Honold selbst die Planung und Bauleitung (Renner 1909/1987, S. 60, 66). Maurermeister Andres Adam und der Ulmer Zimmerer Lienhard Buchmüller führten die Arbeiten aus. 1653 entstanden die Hochschiffmauern, 1654 folgten Dächer und Innenausbau. Am 8. Juli 1655 wurde die Kirche eingeweiht (Renner 1909/1987, S. 77). Honold wandelte den mittelalterlichen Längsbau in einen quergelagerten protestantischen Predigtsaal mit Kanzel an der südlichen Hauptschiffmauer um. Die Ausstattung wurde schrittweise ergänzt; 1668 entstand die Nordempore, 1681 ersetzte eine gestaltete Täferdecke die einfache Bretterdecke. Damit war der Wiederaufbau abgeschlossen (Renner 1909/1987, S. 102).
- Klosteranlage
- allgemein
- Sakralbauten
- Pfarrkirche
(1710)
Der 1650 provisorisch reparierte Südturm zeigte um 1700 erhebliche Risse und Verformungen. Nach mehreren Begutachtungen bestätigte Georg Reiner 1709 die Gefährdung der Standsicherheit, während die Gründung als tragfähig galt (Renner 1909/1987, S. 104). Reiner erhielt noch 1709 den Auftrag zur Erneuerung. 1710 wurde der Grundstein gelegt, 1711 der Turmbau vollendet (Renner 1909/1987, S. 110/111). Die Befunde sprechen jedoch dafür, dass nur die oberen Turmpartien neu aufgeführt wurden. 1723/24 ersetzte man die Ziegeldeckung der Kuppel durch Kupfer (Renner 1909/1987, S. 111). Nach Ergänzung des Geläutes 1720 erhielten Schiff und Chor 1725/26 einen Boden aus Solnhofer Platten.
- Klosteranlage
- allgemein
- Sakralbauten
- Pfarrkirche
(1821)
1821 erfolgte eine Neufassung des Kircheninneren, die bis heute prägend ist. Die einfachen Täferdecken des 17. Jahrhunderts wurden durch gevoutete Putzdecken mit Stichkappen ersetzt; auch der Chor erhielt eine flache Putzdecke. Die vorgesehenen Fresken kamen aus Kostengründen nicht zur Ausführung (Renner 1909/1987, S. 115). Zugleich wurden Reparaturen am Dachwerk vorgenommen. Eine weitere Baukampagne folgte 1845–47 mit umfangreichen Dachreparaturen, darunter der weitgehenden Erneuerung des südlichen Seitenschiffdaches. Ein Entwurf von 1846 sah eine umfassende neugotische Überformung mit Strebepfeilern, Maßwerkfenstern, Zwerchgauben und neugestalteter Vorhalle vor. Das aufwändige Projekt blieb jedoch unausgeführt.
(1904)
Die Innenrauminstandsetzung von 1904–1906 schuf im Wesentlichen die bis heute erhaltene Raumschale. Die westliche Doppelempore wurde durch eine eingeschossige Empore mit neubarocker Orgel ersetzt; zugleich entfernte man die Pfeilervorlagen und vereinfachte die Wandgliederung (Renner 1909/1987, S. 15). Im Nordturm wurde das romanische Tonnengewölbe beseitigt und ein neuer Treppenaufgang geschaffen (Renner 1909/1987, S. 27). Auch Nordempore, Chor und Nordseitenschiff wurden überarbeitet; der Chor erhielt ein Netzgewölbe und neue Maßwerke. 1957 folgte eine Teil-Außeninstandsetzung. Die letzte Innenrauminstandsetzung erfolgte 1986–1987 mit archäologischen Grabungen und zurückhaltenden funktionalen Eingriffen (Greiner 1987, S. 143).
Zugeordnete Dokumentationen
- Bauhistorisches Gutachten
Beschreibung
- Sakralbauten
- Pfarrkirche
Der Baukörper ist recht heterogen und kleinteilig gegliedert: Auf der Südseite präsentiert sich die Kirche als basikaler Bau mit niedrigem Seitenschiff und über fünf Okuli belichtetem Obergaden. Im Norden ist das Dach des Seitenschiffes dagegen bis an die Hauptschifftraufe angeschleppt, es ist damit eine Art Staffelhalle ausgebildet.
Zonierung:
a) Westbau mit Nordturm (Bläserturm) und Südturm (Glockenturm)
b) Langhaus mit Nord- und Südschiff
c) Chor mit Sakristeianbau im südlichen Chorwinkel
- Verkippung Nordturm und Giebelwand West
- Verkippung und lokale Ausbeulung Außenwände am Seitenschiff Nord
- Schäden am Mauerwerk
- Zahlreiche Risse und Verfärbungen im Deckenspiegel des Langhauses
- Zahlreiche stark geschädigt Holzbauteile und klaffende Holzverbindungen
- Unzureichende Ausbildung der Dachfußpunkte
Konstruktionen
Der Südturm setzt sich aus einem schmucklosen Schaft (Höhe ca. 25 m), dem reich gegliederten barocken Oktogons und der abschließenden „Zwiebelhaube“ zusammen und ist im Inneren in zehn Ebenen unterteilt. Bei dem Dachwerk handelt es sich ein achteckiges, stehendes Stuhlgerüst in der Dachbalkenebene und einen liegenden Stuhl in der Kehlbalkenebene.
Auch der Bläserturm gliedert sich in Schaft/Oktogon/Turmhaube. Der Oktogonabschnitt ist noch einmal in ein unteres Geschoss und ein zurückspringendes und so die Anlage eines Umgangs ermöglichende Obergeschoss unterteilt. Es handelt sich um eine kleine Holzkonstruktionen mit 16 Gespärren und mittigem Stuhlkranz. Zusätzliche Streben in den acht Bindergespärren steifen die Konstruktion aus. Den Abschluss bildet ein rund 3 m hohes Kuppeldach („Welsche Haube“), auf dem eine Laterne sitzt.
b) zum Langhaus mit Nord- und Südschiff
Das Mittelschiff wird von einer flachen Muldendecke (Holzspanten-/Putzgewölbe) mit Stichkappen überspannt. Das flache Holzgewölbe ist unmittelbar an der Dachbalkenlage („Zerrbalkenlage“) befestigt. Beim Dachwerk des Langhauses handelt es sich um ein barockes Kehlbalkendach mit zwei Kehlbalkenebenen und liegenden Stühlen über der Dach- und der unteren Kehlbalkenebene.
Das höhere Nordseitenschiff ist mit nahezu raumhohen Arkadenbögen vom Hauptschiff abgeteilt. Es ist mit einer flachen Putzdecke auf Schwibbögen übersehen. Das Dachwerk des Nordschiffes ist eine Mischkonstruktion aus Sparren- und Pfettenpultdach mit einem stehendem, abgestrebten Bockgerüst. Das südliche Seitenschiff schließt gleichfalls mit einer
flachen Putzdecke. Das Dachwerk des Südschiffes ähnelt dem des Nordschiffes. Es handelt sich um ein einfaches Sparrenpultdach.
c) zum Chor und der Sakristei
Der gotische Saalchor schließt nach zwei querrechteckigen Halsjochen mit einem Fünfachtelschluss. Der Chorraum wird von einem auf schlanken Diensten gelagerten Kreuzrippengewölbe überspannt. Das Dachwerk des Chorbaus folgt - bei deutlich reduzierten Dimensionen - dem Muster des Mittelschiffes.




